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Eine Zeitreise
Unglaubliches Gedränge
herrscht auf der Homburger Straßenbahnstation. Hektisch
schieben ungeheure Menschenmassen über den Perron. Der örtlich
Fahrdienstleiter, trotz seiner zahlreichen Gehilfen, ist nicht mehr
Herr der Lage. Die sonst so ruhige Homburger Station, in
welcher Damen und Herren von Welt sich in normalen Zeiten ein
Stelldichein geben, gleicht einem Hexenkessel. Gestriegelte
Offiziere, Damen und Herren der
Gesellschaft, Landbevölkerung im besten Sonntagsstaat,
dazwischen Damen von Welt und ihre Zofen, ja ganze
Schulklassen. Standesunterschiede treten in den Hintergrund.
Jeder versucht nervös einen der begehrten Plätze auf den Zügen
der im 10 Minuten Takt verkehrenden Bahn zur Saalburg zu
ergattern. Glücklich, wer im Besitz einer eigenen Kalesche.
Parallel zur Rennstrecke wurde eigens ein Fahrweg für die
Kutschen in den Wald geschlagen. Im Pendelverkehr werden die
Herrschaften zu Saalburg gefahren.

Eine Million Zuschauer
werden rund um die Rennstrecke erwartet, um den Kampf der
Nationen mitzuerleben. Sensationell, nie wieder wird ein
einzelnes Sportereignis eine derartige Menschenmenge anlocken.
Start und Ziel, die Saalburg mit der eigens für diesen Anlass
errichteten Tribüne mit Platz für
2500 Personen. Unter der nur für dieses Ereignis für
95.000 Goldmark errichteten Tribüne, modernste Einrichtung
wie Postamt, Telefone, Telegrafenstation, Restaurants. Hier
kommen alle Informationen vom Verlauf des Rennens zusammen und
können von der unübersehbaren Journallaie sofort und ohne
Zeitverzug in alle Welt gemeldet werden. Die Losung des Kaisers
ist allgegenwärtig, Deutschland soll der Welt seine Macht und
Größe vergegenwärtigen. Ein Deutscher Sieg wird erwartet!
Der Kaiser nimmt mit seinem Gefolge in der Loge Platz. Selbst
das Wetter spielt mit,
Kaiserwetter. Die Welt blickt auf Homburg.
Die 18 Rennboliden
reihen sich auf der Startlinie auf. Die Strecke wurde
ausschließlich für das Rennen im gesamten Verlauf mit
Westrumit staubfrei gemacht.
Motoren brüllen auf. Letzte betriebsame Aktivitäten
der Mechaniker. Eine unglaubliche Spannung liegt über dem
Geschehen. Camille Jenatzy startet als hoher Favorit
für Deutschland auf
Mercedes Simplex. Der Große Sieger von 1903, legt eine
furiosen Start hin. Bekannt sein draufgängerischer Fahrstil.
Eine „Zeitreise“
hatte Dieter
Dressel, Initiator dieses außergewöhnlichen Ereignisses,
versprochen. Er, seine zahllosen ehrenamtlichen und
professionellen Helfer erfüllten diesen hohen Anspruch mit
Bravur. Viele kleine Details sollten Zuschauer und Teilnehmer
in die Lage versetzen, einen Einblick in die Geschehnisse vor
genau 100 Jahren zu nehmen. Details, welche manchem unbedarften
Zuschauerauge entgangen sein dürften. Die Teilnehmer wussten
dieses umso mehr zu schätzen. Wieviele Mühen hinter den
einzelnen Attraktion verborgen waren, können aber nur die an der
Organisation beteiligten ermessen.
Ein Jahrhundert später.
Homburg, nunmehr Bad Homburg, Austragungsort einer
Erinnerungsfahrt, organisiert vom ASC, dem AvD und der
Kurverwaltung. 54 Fahrzeuge der Jahrgänge 1900 bis 1918 waren
gemeldet.
Der Freitag war ausschließlich
für die technische Abnahme und für einen kurzen Besuch im
Oberursel vorgesehen. Das kleine örtliche Museum in Oberursel
bot einen „Schatz“ der besonderen Art. Hier wird die
Erinnerung an das erste Kinderautomobil-Rennen, die
„Seifenkisten“, wach gehalten. 1904 machten sich die
jungen Buschen des Ortes einen Jux mit selbst gezimmerten
fahrbaren Kisten, es den Großen gleich zu tun. Hier an der
Geburtsstätte der Seifenkistenrennen sollte in den folgenden
Tagen unsere kleine Zeitreise Ihren Anfang nehmen. Zurück in
Bad Homburg wurden die Fahrzeuge im Landgrafenschloss zur
technischen Abnahme vorbereitet. Fahrzeug und Fahrer wurden
entsprechend dem damaligen Reglement verwogen. Die Vorschrift
1904 sah unter anderem eine Verwiegen der Fahrzeuge ohne
Benzin vor. Ein Umstand, der damals dem englischen Fahrer Edge
bzw. seinem Napier fast zum Verhängnis geworden wäre. Sein
achtlos in den Rinnstein abgelassenes Benzin und ein ebenso
achtlos wegegeworfenes Streichholz, führten zu einem einem
Brand, der ohne beherztes Einspringen fast zum Totalverlust des
Fahrzeuges geführt hätte.
Nun, so genau wollte man
das damalige Geschehen denn doch nicht nachvollziehen!
Ingenieur Robert Schramm nahm das Wiegen auf einer
modernen Waage vor. So manch einer der Teilnehmer lag weit
neben dem von ihm, meinst niedriger, angegebenen
Wagengewicht. Da die Wagen ohne Kraftstoff ja nicht zur Waage
fahren konnten, wurden diese damals per Pferdevorspann auf die
Waage gezogen. Auch dieses Detail wurde liebevoll mit Hilfe
zweier Pferde nachgestellt. Dann, gegen Nachmittag, der große
Auftritt des Kaisers im eindruckvollen Kaiserwagen.
Schauspieler stellten Kaiser und Kaiserin nebst Gefolge dar.
Sie würden uns in den nächsten Tagen immer wieder begegnen.
Herr Maybach, ein
ASC Helfer im Gehrock und extra gewachsenen Bart, stellte dem
Kaiser seine Konstruktion, den Simlex vor. Das Geschehen,
professionell und augenzwinkernd
von Johannes Hübner, im grauen Gehrock und Zylinder,
moderiert. Mit etwas Phantasie konnte man sich leicht in die
Szenerie von 1904 versetzen. Nur, ob einer der Herren eine
„derart“ lockere Konversation mit Sr. Majestät dem Kaiser
pflegte wie Johannes Hüber, ist nun doch anzuzweifeln.
Ein sensationeller, noch
nie dagewesener Anblick erwartete die Teilnehmer im Foyer des
Hotels. Aufgebaut der originale Gordon Bennett Pokal aus dem
Jahre 1904! Noch nie hatte nach 1905 dieser Pokal die Räumlichkeiten
des Automobilclub von Frankreich verlassen. Nur den Beziehungen und
der tatkräftiger Unterstützung des AvD
Pressesprechers Johannes Hübner war es zu verdanken, dass die
17 kg schwere, massiv silberne Skulptur ausgestellt werden
konnte. Der vom Verleger Gordon Bennett ausgeschriebene Pokal
stellt den „Genius des Fortschrittes dar, welcher einen
Motorwagen lenkt. Die Siegesgöttin hält sich bereit dem
Sieger die Palme zu übereichen“. Für die Fahrer ging es
damals einzig um die Ehre. Wohl doch nicht nur um die Ehre, wie
die aktuelle Startnummer 10, ein Mercedes Simplex, belegt.
Es handelte sich um das Preisgeld an Baron de Caters für den
3. Platz des Rennens 1904.
Ganz im Sinne dieser Tradition, ging es auch im Jahr 2004
ebenfalls um die Ehre, dabei gewesen zu sein. Viel Mühe hatte
Dieter Dressel darauf verwendet ein unübertroffenes,
illustres Feld an den Start zu bekommen. Einer der authentischster
Zeitzeugen ist der Napier Gordon Bennett Racer. Ein Fahrzeug welches mit einem Hubraum von 13
Litern und 100 PS auch heute noch für zügige 160 km/h gut
ist. Der Wagen ist aus dem Baujahr 1904, war jedoch nicht
mehr rechtzeitig zum Rennen fertig geworden.
Ende der ersten Runde. Jenatzy liegt 1 Sekunde hinter Théry
„Monsieur Chronomètre“, dem Franzosen auf einem Richard
Brasier. Spitzengeschwindigkeiten von über 135 km/h werden
erreicht. Am Ende des Tages wird es ein sagenhafter
Durchschnitt von fast 90 km/h sein. Der
langsamste der noch im Rennen befindlichen Starter, Crawhez,
hat mittlerweile eine Stunde Rückstand. Auch andere der
Starter haben bereits
mit Schäden zu kämpfen. Fritz von Opel fällt nach acht
Kilometern mit irreparablen Cardanbruch aus. Edge hat einen
Lenkungsschaden bei Limburg. Jarrott fällt der Gashebel aus.
Das Publikum auf der Saalburg Tribüne wird über jede
Neuigkeit aus der Rennstrecke informiert. Ein Maler schreibt auf einer Anzeigentafel die neuesten
Entwicklungen nach Anweisung der Telefonisten auf. Ingesamt 4
mal muss die 137,5 km lange Rennstrecke, mit den
Ortdurchfahren Weilburg, Limburg, Idstein, Königstein, und
Oberursel durchmessen werden.

Ausgangspunkt der eigentlich Jubiläumsfahrt am Sonnabend dem
19. Juni 2004, war die Brunnenallee im Bad Homburger Kurpark.
Hier erfolgte um 9:00 in der Frühe der Vorstart mit dem Ziel
Saalburg. Der Anstieg zur Saalburg, dank Polizeiunterstützung
und Straßensperrung, stellte für die Teilnehmer keine
ernsthaften Probleme dar. Hier an historischer Stätte, exakt
100 Jahre und 2 Tage später (Renntag war ein Freitag, der 17.
Juni 1904) wurde ein Gedenkstein an das Gordon Bennett Rennen
1904 in einem kleinen feierlichen Akt enthüllt. Eine schwere
Bronzetafel erinnert an dieses, im Bewusstsein der modernen
Zeit längst vergessene, Ereignis. Nur noch ein weiteres Gordon
Bennett-Rennen sollte 1905 in Frankreich stattfinden. Dann war endgültig
die Zeit der schweren, großvolumigen Boliden vorbei.
Leichtere Konstruktionen, Grand Prix Wagen, speziell für
Renneinsätze konstruiert, sollten folgen. Heute können wir
uns an dieses für die Region und weit über das damalige
Deutschland bedeutende Ereignis anhand des vom ASC
initiierten Gedenksteines wieder erinnern.
Jetzt endlich, von den
Teilnehmer ungeduldig erwartet, ging es auf die Strecke.
Gefahren wurde auf der originalen Strecke von 1904,
allerderings statt vier lediglich eine Runde. Gestartet wurde in
drei Klassen „Gordon Bennett“ - die Rennklasse, „Prinz
Heinrich A“ und „Prinz Heinrich B“ für schwächere Wagen. Ab Idstein
wurden alle Klassen wieder zusammengeführt und würden den
Rest der Strecke gemeinsam nach Bad Homburg zurücklegen. Ein
hervorragendes Bordbuch, sowohl optisch als auch inhaltlich,
würde an Fahrer und Beifahrer keine größeren Anforderungen
stellen. Die wenigen im Stil der Zeit angefertigten
Hinweisschilder gaben zuverlässig an neuralgischen Punkten
den Streckenverlauf an. Einzige sportliche Herausforderung
waren zwei 695 m lange Messstrecken, welche in 1 Minute und 40
Sekunden zu durchfahren waren. Als Lohn der „Genauigkeit“
wartete pro Klasse eine wunderschöne, extra angefertigte Trophäe. Ein
Vergleich der dabei per Messschlauch ermittelten Zeiten zeigte,
welche exakten Werten mit den dafür nicht gerade
konstruierten Fahrzeugen erreicht werden können.

Nach der zweiten
Runde ist der Abstand zwischen den Kontrahenten Théry und Jenatzy um rund 1 ½ Minuten angewachsen. Jenatzy fährt
hektisch, entnervt, hat Startprobleme an der Kontrolle in
Limburg. In der dritte Runde bricht an Thérys Richard Brasier
ein Ventilatorflügel. Um Vibrationen am Motor zu vermeiden,
bricht er ohne zögern alle ab. Am Ende der dritten Runde
liegt Théry rund 8 Minuten in Führung. Am F.I.A.T. von Luigi
Storero bricht die Kettenradwelle, er muss aufgeben. Nach drei
Runden liegen von 18 gestarteten Wagen noch 13 im Rennen. Im
Ziel werden es lediglich 12 sein. Endgültig verschenkt
Jenatzy seine Siegeschancen durch eigenes Ungeschick. Zweimal
durchfuhr er Kontrollstellen mit dem bereitgestellten Benzin.
Nur um einen Kilometer weiter liegen zu bleiben. Der
Mechaniker musste im Laufschritt zurück, um dieses herbei
zuschaffen. In der letzten Rennrunde fallen Edge auf Napier und Baron de
Crawhez auf Pipe endgültig aus.
Mit „Kaiserwetter“
wurden die Teilnehmer der Erinnerungsfahrt 2004 wahrlich nicht
verwöhnt, auch die 1 Million Zuschauer von 1904 konnten
„leider“ nicht annähernd erreicht werden. Trotz des
teilweise durchwachsenen Wetters waren an interessanten
Punkten der Strecke und den Ortdurchfahrten zahlreiche
Zuschauer gekommen. Die Teilnehmer, meist ohne schützendes
Verdeck auf der Strecke, waren den Wechselbädern des Wetters
voll ausgesetzt. Von Regen bis zu schönstem Sonnenschein,
alle Wetterlagen waren vertreten. Selbst Hagelschauer
„massierten“ auf den Höhen des Taunus die Gesichter von
Fahren und Beifahrern. Jetzt im Regen konnten die Besatzungen
der Fahrzeuge wieder das Gefühl einer Zeitreise verspüren.
Kein drängelndes modernes Auto, keine Zuschauer, nur einsame
verregnete Landstrassen inmitten der wunderschön grünen
Taunus Landschaft. Weilburg, Limburg mit der Mittagsrast waren
die Stationen. In Idstein wurden die Strecken der
verschiedenen Klassen wieder zusammengeführt. Die wunderschön
erhaltene Innenstadt Idsteins mit den malerischer Fachwerkhäusern
bot einen idealen Punkt für eine kurze Kaffeepause, um die
Mannschaften wieder aufzuwärmen. Da die meisten der
Wagenbesatzungen sich stilecht, wohlgemerkt nicht kostümiert,
gekleidet hatten und relativ wenige Zuschauer das Bild „störten“,
konnte man fast meinen, in eine „Straßenszene“ vergangener
Tage hineingeraten zu sein. Nun ja, eine Straßenszene mit
derartigen Rennwagen hätte es selbst damals wohl nicht in
dieser Form gegeben.

Die Ortsdurchfahrten
der Rennfahrzeuge stellte für die Mannschaften eine
Geduldsprobe dar. Eingangs der Ortschaften wurden die
Fahrzeugzeiten neutralisiert. Vor den Fahrzeugen fuhr dann jeweils
ein Radfahrer voraus, um die Geschwindigkeit der Rennfahrzeuge möglichst
konstant zu halten. Eine durchaus sinnvolle Maßnahme, welche
durch den schlechten Straßenzustand und die recht
undisziplinierte tierischen „Landbevölkerung“
gerechtfertigt war. Die örtlichen Fahrradvereine hatten seit
Wochen für diesen Tag gleichmäßiges Fahren geübt. 115
Fahrradfahrer standen insgesamt bereit. Um die Durchfahrt möglichst
gefahrlos für die Fahrer zu gestalten, waren rund um die
Strecke Zäune und an kritischen Ortdurchfahrten Überführungen
für die Zuschauer errichtet worden.
Die letzten Kilometer bis
nach Bad Homburg wurden in dem Bewusstsein, es geschafft, dem
Wetter die Stirn geboten und an einem wirklich historischen
Ereignis teilgenommen zu haben, zurückgelegt. Trotz aller
Sorgfalt in den Vorbereitungen kam es insgesamt zu 7 Ausfällen.
Unter anderem waren ein Kupplungsschaden, ein Schaden am Königswellenantrieb
und ein Radbruch zu verzeichnen, welche zum Totalausfall der
jeweiligen Fahrzeuge führte. Ganz abgesehen von den vielen
kleineren Pannen, welche von dem hervorragend organisierten
Pannenteam rund um Jochen
und Robert Schramm ambulant gelöst werden konnten. Eher amüsant
und durchaus in historischer „Tradition“ ging einem
Teilnehmer das Benzin auf der Strecke aus. Jenatzy würde es amüsiert
haben.

Historisch korrekt konnten
die Fahrzeuge von einem roten 1908er Cadillac Abschleppwagen
unterstützt werden. Eine schöne Idee des AvD zeigte auch
hier das hohe Engagement, welches diesem besonderen Event zukam.
Jeweils auf den modernen Abschleppwagen des AvD wurde ein
Smart mitgeführt. Dieser konnte bei Ausfall eines Fahrzeuges
von den Teams übernommen werden, wohingegen das defekte
Fahrzeug auf den Transporter verladen wurde.
Zielpunkt wieder die
Brunnenallee. Hier wurden die Teilnehmer unter den Klängen des Kurorchesters begrüßt, eine Erinnerungsplakette an die
Fahrer überreicht. Die Bordkarten wechselten in diversen
Stadien der Auflösung in die Hände eines Helfers.
Fahrtleitung und die zahllosen Helfer konnten jetzt langsam
aufatmen. Auch der organisatorische Hauptteil der
Veranstaltung war erfolgreich abgewickelt worden. Jetzt galt
es nur noch zu feiern, zu entspannen und sich auf ein nächstes
derartiges Ereignis zu freuen. Fahrterlebnisse wurden
ausgetauscht. Langsam kühlten die Motoren ab, heißes Öl
tropfte noch einige Zeit auf die fürsorglich ausgebreiteten
Pappen. Der seltsam eigentümliche Geruch von verbrannten Öl,
Benzin und überhitzten Bremsbelägen legte sich über die
Szene.
Jenatzy kommt als
Erster auf der Saalburg an. Jedoch insgesamt mit einem Rückstand
von 11 Minuten zu Théry. Dieser erreicht unter dem
unbeschreiblichen Jubel des Volkes die Saalburg. Er wird aus
dem Auto gehoben und zur Tribüne geschoben. Reden kann er
noch nicht, aber trinken. Mit Champagner wird er wieder zum
Menschen gemacht, wie die „Automobil-Welt“ berichtet. Mit
dem Sieg von Théry ist der vom Kaiser erwartete Deutsche Sieg
zerstoben. Der Kaiser gratuliert einer französischen
Abordnung, Monsieur Brasier, dem Schöpfer des Siegeswagens
und dem Präsidenten des AC de France.
Dem Fahrer, da von niederem Stande, gratuliert der Kaiser
nicht persönlich. Da aus diesem Grunde auch keine Fotographie
entstehen konnte, wird die französische Zeitschrift
"Petit Journal", eine Zeichnung dieser Geste, welche
die Franzosen so gerne gesehen hätten, abgedruckt. Bereits vor
Eintreffen des 3. platzierten
Baron De Caters verlässt der Kaiser die Tribüne.
Ein ereignisreicher Tag
neigte sich dem Ende zu, welcher durch den DaimlerChrysler
Galaabend und die Verleihung der Siegestrophäen gekrönt
wird. Selbst hier bewies das Organisationsteam noch die Liebe
zum Detail: das Titelblatt der Menuekarte war eine Kopie der originalen Karte von
1904. Die Speisekarte lehnte sich inhaltlich an das damalige
Siegesmahl an, war jedoch beleibe nicht ganz so üppig, wie
Dieter Dressel glaubhaft versicherte. Dezente Musik
unterstrich die feierlich gelöste Stimmung. Der anwesende
Direktor des Automobileclub d'Auvergne verteilte Prospekte
für die 2005 in Frankreich stattfindende letzte 100jährige Gordon
Bennett
Erinnerungsveranstaltung.
Der Sonntag wartete mit
einem Concours d’Elégance in der Brunnenallee auf. Letzte
Vorbereitungen in der Tiefgarage des Hotels. Die Nummer 46,
ein Mercedes Simplex 40/45 mit einer Rothschild Karosserie,
wird vom Rennwagen wieder in einen Straßenwagen zurückverwandelt.
Lampen, Kotflügel und vor allem die hintere Sitzbank inklusive
Dach wird mit 4 Schrauben am Fahrgestell befestigt.
Entbehrliche Dinge für den Rennbetrieb! Dieses Fahrzeug, es
handelt sich um einen der 36 sagenhaften Jellinek Wagen, wurde
damit ganz im Sinne der Erbauer genutzt: Am Vortag zum Rennen
und Tags darauf zum Promenieren mit der Familie.
Jetzt endlich konnten die
Fahrzeuge und Besatzungen ausführlich und in aller Ruhe
begutachtet werden. Der anfängliche Sonnenschein verlockte
viele Teams, Ihre Sonntagskleidung passend in der Zeit zum
Fahrzeug hervorzuholen. Der „Kaiser“ und sein Gefolge
defilierten durch die Menge, Herr „Maybach“ und weitere
Damen und Herren der Gesellschaft bewegten sich zwischen den
ausgestellten Autos. Wie zufällig stand das Benz Dreirad am
Rande, welches später fachkundig von Jutta Benz, einer
Urenkelin von Carl und Bertha Benz, durch den Kurpark
gesteuert wurde. Die Motorhaube des Napier Rennwagens von 1904
geöffnet
und stellte seine beeindruckende Maschine zur Schau. Ein
Platzregen verscheuchte nur kurz das jetzt zahlreich anwesende,
interessierte Publikum unter die Bäume.
Messing soweit das Auge
reicht. Details und längst vergessene oder als Neuheiten wieder
gefeierte Lösungen waren zu entdecken. Aber auch Irrwege der
Technik, wie etwa der Uhrwerk-Anlasser am Astro-Daimler Prinz
Heinrich von 1913. Opel Grand Prix Wagen von 1913 und 1914
waren zu bewundern. Der von 1914 mit aus der Motorhaube
ragenden Ventilfedern, unglaublichen 12 Litern und einer
Leistung von 260 PS.

Simplex Fahrzeuge stellten
sich beim ersten Sonnenstrahl zu einem wohl einmaligen
Gruppenbild auf. Die Pokale des Rennens und des Concours wurden vergeben. Eine Gruppe mit Oldtimer-Fahrrädern
zogenIhre Runden im Kurpark. Seltsam wackelig anzuschauen auf den dünnbereiften
Hochrädern. Die hintere Sitzbank eines amerikanischen Simplex, vollgepackt mit Musikinstrumenten. Wer da meinte, dass
es sich hier nur um einen Spleen der Engländer handelte,
irrte gründlich. Das Hotel bebte nächtens vom Einsatz der
Instrumente. Ein einzelner Golfer, im sportiven Stil der Zeit
gekleidet, schaute dem Treiben abgeklärt zu. Die Kurkapelle
spielte auf.

Es wird wieder still
in Homburg. Der Kaiser zieht sich auf seinen Sommersitz zurück.
Die feine Gesellschaft ist wieder unter sich. Die Tribüne an
der Saalburg wird wenige Tage nach dem Rennen
abgebrochen. Mercedes legt mit 200 verkauften Wagen in
den nächsten Wochen den Grundstein für einen Weltkonzern.
Mit diesem Tag beginnt das Automobil auch in Deutschland
seinen unaufhaltsamen Siegeszug. Jenatzy kommentiert seinen
zweiten Platz mit den Worten: “Ich bin besiegt, das ist
Fakt! Jetzt warten wir mal ab!“ Er spielte damit auf das
Rennen im folgenden Jahr an, auch dieses wird er verlieren.
Die Zeiten ändern sich, neue Reglements halten Einzug, neue
Grand Prix Wagen, neue Helden werden heranwachsen.
Wir haben die
Geburtsstunden des Automobilen Siegeszuges, der heutigen
Formel 1, der Marke Mercedes, ja sogar der Kinderautomobil
Rennen, 100 Jahre später „miterfühlen“ dürfen. Eine
nachdenklich stimmende, erlebnisreiche Zeitreise geht zu Ende.
Text: Frank Schädlich,
Fotos: Nikot |
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